Fabienne, 42, Grafikerin

Sich für das Coming-out eine berufliche Auszeit nehmen? Mit einem Betrieb, der dies auch noch unterstützt? Was zunächst unglaublich klingt, ist im Falle des Coming-out von Fabienne tatsächlich so passiert, wie ihre Geschichte zeigt.

«Ich brauchte eineinhalb Monate zum Planen und zum Glück konnte ich mir diese Zeit auch nehmen» sagt Fabienne, die ihr Coming-out im Herbst 2018 hatte. Dieses verlief problemlos. Als hilfreich empfindet Fabienne, dass ein Mitarbeiter bereits eine trans Frau und eine HR-Mitarbeiterin einen trans Mann kennt. Fabienne informiert per E-Mail ihre Chefin, die nimmt es gelassen auf und informiert das Team. «So problemlos, wie das gewesen ist, habe ich mir das nie und nimmer vorgestellt». Als schön empfindet Fabienne den Moment, als sich die HR-Mitarbeiterin genauso über die Änderung des Geschlechtseintrages und des Namens gefreut hat wie sie selbst.

Als grösste Herausforderung empfindet Fabienne das Misgendern von Mitarbeitenden anderer Abteilungen. «Bei Personen, die nicht tagtäglich mit mir zu tun haben, dauert es etwas länger». Mittlerweile korrigiert Fabienne diese sofort und weiss, dass ihre Chefin voll hinter ihr steht. Sie macht ihrer Meinung nach alles richtig und teilt den übrigen weiblichen Mitarbeitenden Fabiennes Bedürfnis, die Damentoilette benutzen zu dürfen, lapidar mit: «Das ist halt jetzt so.» Den schönsten Moment mit ihrer Chefin erlebt Fabienne, als beim Mittagessen eine ehemalige Mitarbeiterin am Mittagstisch erscheint und Fabienne zunächst komisch anschaut. Darauf erklärt die Chefin: «Und das ist unsere Fabienne.» Das war unmissverständlich.

Die anderen Mitarbeitenden hatten zunächst Mühe mit dem Namen von Fabienne, wie auch sie selbst nach über 40 Jahren Gewöhnungszeit, wie sie mit einem verschmitzten Lächeln gesteht. Ihre Augen strahlen als sie davon erzählt, wie sie im Ausgang einen Mitarbeitenden trifft und dieser zu seiner Begleitung sagt: «Das ist Fabienne, sie arbeitet mit mir und ist sehr cool!»

Durch das Coming-out ist die Arbeitsmotivation von Fabienne gestiegen. Vorher hatte sie sehr viele Depressionen, die seit dem Coming-out grossteils verschwunden sind. Ihre Leistung, Freude und Kreativität haben deutlich zugenommen. Wenn sie zurückdenkt, wäre sie froh, sie hätte es bereits früher gemacht. Allerdings weist sie darauf hin, dass der gesellschaftliche Umgang vor 15 bis 20 Jahren noch ein ganz anderer war. Heute kann Fabienne die Kleider anziehen, in denen sie sich wohl fühlt und muss sich keine Sorgen mehr über ihre Gestik machen.

Anderen trans Menschen rät Fabienne: «Seid zuversichtlich, nehmt euch Zeit – aber nicht zuviel – und informiert zunächst vertraute Personen. Legt gemeinsam mit ihnen eine Strategie fest, wie ihr es am Arbeitsplatz kommuniziert. Wenn es nicht funktioniert, wechselt die Stelle. Einen Verbleib bei einer Firma, die euch nicht unterstützt, solltet ihr euch nicht antun.»